Eindrücke des letzten Jahres
Im abschließenden Statement der Tagesschau, das heißt, im Übergang zu späteren Programmen, hieß es neulich: "War 2025 nur schlecht?". Dies war zwar einführend in eine Sendung, die sich mit den schönen Dingen dieses Jahres befassen sollte. Nichts desto trotz bleibt eine solche Frage bei einem sitzen. Es sind viele Dinge seit Jahresanfang geschehen, die wir bis jetzt noch nicht so richtig einzureihen wissen, im Rahmen dessen, was wir morgen die "Geschichte" nennen werden. Und natürlich schallt da diese eine Frage wider, wenn ich von Morgen rede, die so fürchterlich ist auszusprechen. Eines weiß ich jedoch einzureihen: wo ich denn gewesen bin, als ich von alledem Wind bekommen habe. Und genereller, damit es auch interessiert: Ein Beispiel dafür, was diese globalen Ereignisse im Leben eines einzelnen jungen Mannes bewirken können.
New Orleans
Alle Medien sprachen ein paar Tage darüber, vor allem die französischen, da New Orleans dort als Reiseziel so beliebt ist - und es daher viele Franzosen vor Ort gegeben hat. Was man so drüber sagte: Strategische Fehler bei der Organisierung seitens der Sicherheitszuständigen, Terroranschlag des Islamischen Staats, Folge der illegalen Einwanderung (Trump, natürlich), usw. usf.
Der Täter war Amerikaner, er hat gedient. Ich weiß nicht mehr, ob er vor Ort starb oder nicht. Es geschieht ja mittlerweile so oft. Da wir von Eindrücken sprechen, würde ich an dieser Stelle eben auf die absolute Abwesenheit von wesentlichen, d. h., verschiedenen Eindrücken in mir hinweisen. Es fuhr ein Mensch durch eine Menschenmenge. Es starben allerlei. Nichts, das man nicht immer wieder hört. Nun wird man wohl das gute alte "Der Mensch gewöhnt sich an alles" erwarten. Und es ist nicht falsch, ich habe mich daran gewöhnt, so wie, mit Verlaub, der Leser. Doch ich blute weiter mit: Der Sklave im Bergbau, der die Blasen unter den Füßen nicht mehr spürt, hat sich auch an seinen Zustand gewöhnt. Wenn man ihn jedoch fragt, ob er an die Gerechtigkeit glaubt, wird er nicht Tränenerfüllt und die Hände in den Himmel ausstreckend all diesen angewohnten Schmerz mit einem Schlag wieder empfinden?
Gaza Waffenstillstandsversuche
Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie es war, zu Beginn des Jahres täglich Berichte über den Gaza streifen in den Nachrichten zu sehen. Fünfzig Tote letzte Nacht bei einem Bombenangriff auf ein Spital, davon so und so viele Kinder. Dutzende starben unter Beschuss neben (vermeintlich) humanitären Verteilungsstellen, davon so und so viele Kinder. Wo war ich damals? Irgendwo im Nirgendwo. In einem gemütlichen Zimmer bereitete ich mich auf ETH-Prüfungen vor, in der neutralen Schweiz, wo es so etwas wie Sorgen nicht gibt. Tatsächlich hätte eine jüngere Version wohl von mir behauptet, dass ich viele Sorgen hatte. Keine Perspektive, keine Lust, noch dazu Liebeskummer und das Gefühl, von allem, was mir teuer ist, betrogen geworden zu sein. Das letztere war mittlerweile Gang und Gäbe, ein kurioser Nebeneffekt des Studiums an der ETH. Ich glaube auch, dass viele andere von mir behauptet hätten, ich habe Sorgen. Desweiteren scheinen diese Zeiten eher weit entfernt, und sie sind bleich wie das Gedächtnis. Aber eines ist von damals klar: Jeder, der mich fragte, wann ich das letzte Mal geweint habe, bekam ein bloßes Schulternzucken zur Antwort; über mich oder mein Laben zu weinen war für mich fast ein lachen über diejenigen, welche im Schutt und unter den Bomben heute alle verrecken. Mein Körper konnte einfach nicht.
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Nein, mir war nur zu flüchtigen Augenblicken des Tages nach dem Weinen zumute, als ich zum Beispiel erfuhr, wie der Waffenstillstand, der gerade eben in Kraft getreten war schon wieder gebrochen wurde. Als ich sah, wie ewig vermisste Geiseln zurückgebracht wurden: als einzelne Glieder, ledigliche Körperteile. Tränen spürte ich auch von irgendwo da unten aufquellen als ich in den Medien das israelische Volk protestieren sah, um seine vergeiselten Kinder, jedoch nicht um die Palestinenser, die doch auch seine Kinder sind.
Iran
Es gibt wenige Länder die heute so undurchdringlich sind, jedoch eine so reiche und zahlreiche Diaspora haben wie Iran. Ich kann mich noch erinnern, wie vor ein paar Jahren am Esstisch ein iranischer Bekannter von mir, der in Deutschland aufwuchs, irgendetwas (ich habe vergessen, was), über die "revolution Irans" gefragt wurde. Er wandte schnell ein, dass man genauer sein solle: es sei da die vermeintliche islamische Revolution, die das Land in Terror und Autokratie tauchte, und die Proteste von neulich.
Vieles weiß ich selber nicht darüber. Nur, dass es keine gute Idee ist, seine Eltern in Dubai besuchen zu gehen, auch noch mit Verbindung in Istanbul, wenn die USA Iran gerade bombardiert haben. Wie mann sich's zusammenreimen kann: Ich stieg aus dem Flieger aus, und es hieß: Iran habe Qatar bombardiert. Ein Großteil der Flüge von der Türkei in die Emiraten: gestrichen. Meiner ist noch lediglich um ein paar Stunden verspätet, dann ist er auch gestrichen. Gott (dem Deutschen) sei Dank habe ich den deutschen Pass. Ich darf in die Türkei eintreten, dort übernachten, und nach Zürich zurück. Der emiratische Luftraum ist gesperrt, seitens der Türken kein vorhersehbares Wiedereinsetzen der Flüge zu den VAE. Aber das, was ich niemals vergessen werde, ist was ich im Flughafen hinterlassen habe: tausende von Menschen ohne Visum für die Türkei, Frauen mit Kindern, zusammengepfercht wie Vieh, ohne Aussicht auf einen verbindenden Flug, ohne Schlafplatz, ohne nichts.
Friedensbemühungen Ukraine
Es soll eine Kapitulation sein. Wer weiß? Vielleicht ist es das. So viele Menschen sind gestorben, und haben jedes Stück Land, das angegriffen wurde, selbstaufopfernd verteidigt. Die besetzten Gebiete nun aufzugeben: Wozu sind all diese Menschen gestorben?
Dann kam aber so ein Artikel in der NZZ. Er sprach vom Unterschied der Verantwortungsethik und der Gesinnungsethik. Es sei empörend, unverschämt, gar ehrenlos einen solchen Friedensvertrag, wie dieser von den USA erstmals vorgeschlagen wurde, anzunehmen. Jedoch, das ewige sterben werde auch aufhören.
Dieser Artikel hat mich zum denken veranlasst. Wie weit würde ich gehen, in meinen Bemühungen, weder empörend, noch unverschämt, noch ehrenlos zu sein, in meinen Bemühungen, im globalen Auge diesem oder jenem Land nicht anzugehören? Würde ich sterben, für ein aufgespieltes Gefühl der Nation? Würde ich andere Menschen dafür sterben lassen? Als die Friedensgespräche zwischen Russland und den USA (zwinker zwinker) begannen, fiel mir ein Lied wieder ein, von einem dem französischen Ausland unbekannten Sänger und Schriftsteller (und Ingenieur und Trompetist etc.), namens Boris Vian. Le Déserteur hat mich schon immer sehr ergriffen, mit seinem Text und der seufzenden Melodei zwischen den Strophen, noch dazu die Nonchalante Art und Weise des Sängers, als er von der Mutter berichtet, die die Würmer im Sarg nicht kümmern.
Seit ich geboren bin
Sah ich meinen Vater sterben
Sah ich meine Brüder gehen
Und meine Kinder weinen
[...]
Als ich Gefangener war
Hat man mir Frau geraubt,
Hat man mir Seele geraubt,
Und all meine teure Vergangenheit
Ich frage mich oft, ob es es Wert ist, jemals ein Volk in so etwas zu tauchen. Und wenn man mir entgegensetzt, dass dies nicht die Verhältnisse in der Ukraine sind, dann würde ich natürlich, was die Gegenwart angeht, zustimmen. Doch der Krieg ist eine Straße, die sich nie verändert hat. Einmal haben wir ihr Ende erreicht. Wir wissen, was dort auf uns wartet. Ihn, den Krieg, weiter zu führen, ist nichts anderes, als dieser Straße weiter zu folgen.
